Interview

Verbandsorgane

Wir wollen die Marke Caritas weiterentwickeln

Im Konferenzraum sitzen Eugenie Riffel (links) und Ludger Engelhardt-Zühlsdorff (rechts) auf den blauen Stühlen, im Hintergrund das Verbandslogo

Frau Riffel, was ändert sich künftig für Sie in der Arbeit?
Riffel: Wenig, denn grundlegende Aufgabengebiete und Anforderungen ähneln sich: Ich organisiere und strukturiere gerne, das ist eine meiner Stärken und die braucht man als Leitung auch. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen und löse Probleme. Ich habe da ein gewisses Durchhaltevermögen. Und ich kenne bereits sehr viele Ebenen des Verbands - das hilft: Vor über zwölf Jahren habe in der Migrationsberatung angefangen, war dann in verschiedenen Bereichen wie der Kindertagespflege, schließlich 2016 die Leitung der Migrationsdienste. Zuletzt hatte ich die komplette Abteilung Kinder und Soziales übernommen. Das ist also jetzt der nächste logische Schritt.

Herr Engelhardt-Zühlsdorff, was bedeutet das alles organisatorisch?
Engelhardt-Zühlsdorff:
Wir teilen künftig die zentralen Dienste unter uns auf. Ich kümmere mich zum Beispiel primär um den Bereich Finanzen und Controlling. Außerdem um Alten- und Gesundheitshilfe und die Abteilung Sozialraum und Freiwilligenengagement.

Riffel: Und mich reizt das Thema Personal. Wir wollen uns in dem Bereich weiter professionalisieren, insbesondere in der Entwicklung und in der Weiterbildung. Wir müssen Themen klären, wie: Wo brauchen wir Personalmanagement oder Talentmanagement?

Warum ist Weiterbildung ein zentrales Thema?
Riffel:
Auf dem Arbeitsmarkt sind immer weniger Fachkräfte vorhanden. Thema der Zukunft wird also zum einen sein: Wie gewinnen wir Mitarbeiter*innen, die zu uns passen, die bei uns bleiben wollen? Aber auch: Welche Fähigkeiten bringen neue Mitarbeiter*innen mit und wo müssen wir sie eventuell weiterentwickeln? Die "perfekte Bewerbung" wird es in Zukunft kaum noch geben.

Engelhardt-Zühlsdorff: Es geht auch insgesamt um Attraktivität der Marke für Bewerber*innen. Wir verfügen als Caritasverband Hochtaunus über viele Aspekte, die für Mitarbeitende sehr attraktiv sein können. Das sollten wir demonstrieren. Wir führen ja auch deswegen diese Doppelspitze ein, weil wir uns als Verband weiterentwickelt haben. Wir wollen wachsen und qualitativ besser werden. Neue Themen kommen hinzu: Datenschutz sei hier genannt oder Arbeitssicherheit. Wir wollen die Marke Caritas weiterentwickeln.

Riffel: Letztlich stellt sich auch immer die Frage: Wen holen wir, wenn der Markt begrenzt ist? Künftig wird noch stärker gelten: Nicht Mitarbeiter*innen bewerben sich bei uns, sondern wir werben um sie.

Sie waren einige Jahre lang alleinige Geschäftsführung und Vorstand, inwieweit müssen Sie sich jetzt umstellen, Herr Engelhardt-Zühlsdorff?
Engelhardt-Zühlsdorff
: Ach, ich freue mich unglaublich darauf, dass ich mich nochmal verändern muss! Ja, ich war lange alleine verantwortlich, das muss ich neu lernen - aber da habe ich Spaß daran. Ich kann mich dadurch auch den Themen Entwicklung und Finanzen viel intensiver widmen und sie strategisch vorantreiben.

Riffel: In der Tat, wir haben jetzt nochmal mehr Ressourcen, strategisch zu denken. Wir  sind ja beide schon fit in unseren jeweiligen Bereichen und können nochmal stärker in die Tiefe gehen, um dann gemeinsam mit den Kolleg*innen ans Ziel zu kommen. Für mich bedeutet Doppelspitze auch immer, sich auszutauschen und gemeinsam kreativ sein zu können. Vor allem, bevor man finale Entscheidungen trifft. Auch Krisen sind im Doppel einfacher zu bewältigen, als auf alleinigen Schultern.

Wie schauen Sie auf die vergangenen Jahre?
Engelhardt-Zühlsdorff:
Ich war wie erwähnt seit 2017 Geschäftsführer hier im Hochtaunus. Rückblickend sage ich: Das war ein anderer Verband damals, wir haben uns komplett verändert. "Sprunghaft weiterentwickelt" möchte ich sagen. Wir sind kein kleiner Verband mehr. Das ist auch notwendig, wir entwickeln uns mit der Gesellschaft.  

Der Verband hat sich entlang der gesellschaftlichen Anforderungen entwickelt?
Engelhardt-Zühlsdorff:
Ja, wir sind insgesamt als Verband gefragt von der Gesellschaft, und haben dafür die Strukturen aufgebaut.

Riffel: Das ist ein wichtiger Gedanke: Es geht nicht nur um Wachstum der klassischen Angebote, sondern auch darum, neue Themen stärker in den Vordergrund rücken. So können wir uns auch sozialpolitisch positionieren und die Stimme erheben. Das Thema Armut, der Bereich Geflüchtete und Integration oder Themen wie Einsamkeit - da sehen wir schon unsere Aufgabe. Wir wollen sozialpolitisch noch stärker Akteur im Sozialraum werden. Auch daraus entwickeln sich Angebote.

Engelhardt-Zühlsdorff: Wir sehen uns als Partner der Kommunen und Vereine. Wir wollen vor Ort sein und eng zusammenarbeiten. Das bedeutet auch, dass wir sehr nah an den Notlagen und den grundsätzlichen Fragestellungen der Gesellschaft sind. Daraus entstehen Anforderungen an uns und auch neue Antworten von uns. Zum Beispiel die bewusste strategische Entscheidung, dass wir uns sozialraumorientiert ausrichten wollen. Daraus haben wir viele kleine Produkte entwickelt, die dann zu größeren wurden. Wir kümmern uns um die Themen der Menschen vor Ort. Dadurch sind wir gewachsen - das war so gewollt.

Riffel: Deswegen haben wir ja unter anderem auch gerade eine neue Abteilung für Sozialraum und Freiwilligenengagement gegründet. Das Thema ist zentraler geworden und muss selbständiger geführt werden.

War es eine bewusste Entscheidung, sich so zu entwickeln?
Engelhardt-Zühlsdorff:
Ja. Zum einen, weil unsere Gesellschaft immer mehr Dienstleitung braucht, insbesondere die Familien, bei Kinderbetreuung oder bei der Altenpflege. In den nächsten 30 Jahren wird der Anteil der Pflegebedürftigen wachsen, wir müssen darauf reagieren. Zweitens habe ich eben die Anforderungen an Unternehmen genannt, wie Sicherheit und Datenschutz. Um sich die entsprechende Infrastruktur leisten zu können, muss ein Verband wachsen.

Riffel: Nichts ist so beständig wie die Veränderung. Ich sehe es wichtig und als notwendig, dass eine Leitung auch Veränderungswillen hat und reflektiert darauf schaut, wo braucht es eine Veränderung? Stagnieren bringt einen nicht weiter.

Denn die Themen werden eher noch mehr werden…
Engelhardt-Zühlsdorff:
Natürlich. Wir sind eng verknüpft mit den Megathemen von Politik und Gesellschaft. Frau Riffel hat es eben schon angedeutet: Armut, Not, Krisensituationen - wir wollen dafür sorgen, dass Menschen das nicht alleine angehen müssen. Dazu kommen Aspekte wie der Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Menschen, insbesondere die mit wenigen Ressourcen. Oder denken Sie an die steigenden Preise. Sozialhilfeempfänger*innen können aktuell gar nicht mehr davon leben, was sie bekommen. Das hat alles mit gesellschaftlichem Zusammenhalt zu tun - da sind wir gefordert. Wir reden hier auch von Kommunikation, von Visionen, von Haltung und Transparenz. Dafür steht Frau Riffel, dafür stehen wir als Verband. Es sind Personen die einen Verband ausmachen. Deswegen ist es auch gut so, dass wir künftig eine Doppelspitze aus Mann und Frau haben.

Wo unterscheiden sie sich noch?
Riffel:
Nun, im Alter und auch vom kulturellen Background. Ich habe einen Migrationshintergrund. Ich sehe mich als Frau auch ein Stückweit als ein mögliches Vorbild: In den sozialen Bereichen arbeiten ganz viele Frauen, aber wenige Leitungskräfte, weil Frauen sich oft nicht trauen, diesen Weg zu gehen - Familie und Beruf zu vereinbaren. Auch dafür steht die Marke Caritas, wir ermöglichen auch jungen Frauen ganz andere Wege zu gehen, unser Frauenanteil ist ja sehr hoch. Die Wege sind frei, wenn man diesen Weg gehen möchte.

Was wäre Ihre Vision  für die Monate, die vor Ihnen liegen?
Engelhardt-Zühlsdorff:
Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Wir brauchen sicherlich auch Zeit, die ganzen Herausforderungen, die wir genannt haben, umzusetzen. Der Aufsichtsrat wollte Kontinuität und hat sich auch bewusst entschieden, nicht jemanden von außen zu holen. Wir sind gut aufstellt. Und wir haben unsere Mitarbeiter*innen auch in der Vergangenheit immer an der Strategieentwicklung beteiligt.

Riffel: Ich will die Arbeitergebermarke Caritas stärken. Der nächste Schritt wird sein, dass jeder im Sozialraum weiß, wer wir zwei sind und was wir auch zusammen präsentieren. Um dann in einem Jahr sagen zu können: Das ist die Vision des Verbandes. Manches wird erst in einem Jahr stehen, wir brauchen ein wenig Zeit um uns zu sortieren. Die Mitarbeiter*innen sollten auch wissen: Es passiert etwas - aber es wird nicht alles auf den Kopf gestellt.

Engelhardt-Zühlsdorff: Wir wollen das Beste rausholen für die Menschen vor Ort.

Stichwort "vor Ort" - was verbindet Sie mit der Region?
Engelhardt-Zühlsdorff
: Ich identifiziere mich mit der Region - und ich fahre gerne Mountainbike im Umland. So lernt man die Region und ihre Menschen gut kennen.

Riffel: Die Menschen hier sind uns ans Herz gewachsen. Der Ruf ist ja, dass hier sehr viel Wohlstand herrscht, Bad Homburg spielt mit den Begriffen: "Champagnerluft und Tradition". Das stimmt - aber gleichzeitig gibt es doch ziemlich viel Armut. Auch darin sehe ich unseren Auftrag! Wie bringen wir das den Menschen nahe? Selbst hier, mitten unter uns, gibt es Wohnungs- und Obdachlose.