Portrait

Demenzbegleitung

Von Ankern, Ängsten und Herzenswärme

Andrea Ruff-Hornbogen arbeitet ehrenamtlich bei "Lichtblicke" in Oberursel. Das Angebot unterstützt Demenzkranke und entlastet ihre Angehörigen, zum Beispiel durch die Donnerstags-Gruppe, die Frühstück anbietet.

Frau Ruff-Hornbogen, beim Stichwort Demenz kommt bei vielen schnell die Assoziation auf, dass Betroffene immer weniger wirklich mitbekommen…

Andrea Ruff-Hornbogen: Das ist zu pauschal gedacht, wir haben in der Donnerstagsbetreuung einen Mann, der mit seiner Frau ganz viele Radtouren macht. Je nach Zustand ist noch ganz viel möglich. Auch bei denjenigen mit fortgeschrittener Demenz findet man häufig noch einen Zugang, wenn man einmal herausgefunden hat, was diese Menschen früher besonders gerne gemacht haben. Das ist dann wie ein Anker, und solche Themen flechten wir dann immer wieder ein. Es gibt da mittlerweile sehr tolle Projekte, zum Beispiel Bands, die in Altersheime gehen und mit den Bewohnern singen und tanzen. Was bei Demenzerkrankten eben Probleme bereitet sind das Kurzzeitgedächtnis oder die Orientierung: Sprich, sie wissen vielleicht nicht, wie alt sie sind - aber sie wissen, wann sie geboren sind. Sie leben in ihrer eigenen Welt. Aber man kann diesen Zugang bekommen und man kann das trainieren.

Wie haben Sie sich dazu entschlossen, "Lichtblicke" ehrenamtlich zu unterstützen?

Ruff-Hornbogen: Ich habe schon als Schülerin in den Ferien im Altersheim gearbeitet. Das Thema hat mich immer fasziniert. Vor einigen Jahren hier nach Oberursel gezogen, eine Nachbarin war ebenfalls ehrenamtlich aktiv, in ihrem Fall in der häuslichen Pflege. Ich denke, so läuft es ja häufig: Man hört etwas, schaut mal vorbei, und bleibt dann hängen. In meinem Fall sind es jetzt acht Jahre. Und es hat mich sogar beruflich beeinflusst: Ich habe ja Diplompsychologie studiert und mittlerweile eine Praxis mit dem Schwerpunkt Alterspsychotherapie. Die habe ich aber tatsächlich nach meinem Engagement bei "Lichtblicke" eröffnet.

Und dann sind Sie einfach mal vorbeigegangen? Wie stelle ich mir so ein erstes Treffen von Ehrenamtlichen vor?

Ruff-Hornbogen: Wir waren damals eine sehr große Runde. Sehr beeindruckend fand ich den großen Altersunterschied unter den Ehrenamtlichen. Dann ging es zunächst um die Grundlagen: Was ist Demenz? Wie äußert sie sich? Wie geht man damit um? Wie beeinflusst unser Verhalten den Demenzerkrankten? Das ging dann über mehrere Treffen. Es war von Anfang an sehr professionell, sehr harmonisch und sehr angenehm! Und es war faszinierend, wie unterschiedlich unsere Hintergründe waren, unter uns waren hauptberufliche Krankenschwestern genauso wie Bankkaufleute.

Es war also von Anfang an ein Teamgefühl?

Ruff-Hornbogen: Ja, unbedingt, bei jedem stand im Vordergrund, dass wir diese Arbeit unbedingt machen wollen. Dass wir wirklich ein Team sind! Das ist auch der Unterschied zu meinem Beruf, wo es ja eher um Eins-zu-Eins-Gespräche geht: Bei "Lichtblicke" sind wir ein großes Team und jeder bringt seinen Hintergrund mit ein und erschafft daraus etwas Gemeinsames. Hinzu kommt dann noch unsere Koordinatorin, die ganz viel Erfahrung hat, und selbst viel erzählen und weitergeben kann, was sie gelernt hat. Wir sind sehr gut an die professionellen Strukturen der Caritas angebunden, das hilft uns beim fachlichen Hintergrund und bei der Organisation.

Das war also die vorbereitende Theorie und dann ging es in die Praxis hinein: Was genau passiert bei den Begegnungsrunden?

Ruff-Hornbogen: Die Teilnehmer kommen so gegen halb zehn an, wir sind vorher schon da und bereiten Dinge vor. Dann gibt es verschiedene Angebote: Spazieren gehen, Singen, Rätsel… das hängt immer von der Gruppe ab. Wir richten uns danach, was die Teilnehmer wollen. Vielleicht wollen sie ja gar nicht kreativ werden. Auch da hilft dann, dass wir als Team immer alle vor Ort sind, und damit sehr viele Begleiterinnen im Verhältnis zu Teilnehmern. Ich sage bewusst Begleiterinnen, denn aktuell haben wir keinen einzigen Mann in der Gruppe.

Aber Männer könnten sich ebenfalls ehrenamtlich betätigen?

Ruff-Hornbogen: Unbedingt! Es wäre sogar sehr gerne gesehen. Wir hatten vor kurzem mal eine Teilnehmerrunde nur aus Männern, da wäre es natürlich sehr passend, wenn wir auch Männer als Begleiter dabeihätten.

Wir haben eingangs über die Kapazitäten der Teilnehmer gesprochen. Wie stimulieren sie diese?

Ruff-Hornbogen: Viele fühlen sich schon allein dadurch wohl, dass sie einfach da sind. Das merkt man. Und weil es ja eine Gruppe von Teilnehmern ist, muss nicht jeder immer alles mitmachen. Wir bieten oft bestimmte Gesprächsthemen an: "Mein erster Schultag" oder saisonale Themen wie "Nikolaus". Da fragen wir dann nach, an was sich Menschen erinnern. Manchmal gibt es da ganz erstaunliche Antworten. Einem Teilnehmer musste man nur die ersten Takte eines Lieds vorsingen und er konnte alle Schlager und Volkslieder auswendig. Eine andere Frau konnte beeindruckend gut Märchen vorlesen, das war anrührend.

Das gilt vermutlich aber nicht für alle?

Ruff-Hornbogen: Nein, und auch das ist völlig in Ordnung. Wer nichts antworten möchte, der antwortet nicht. Es geht wie gesagt ums Wohlfühlen. Manchmal sind Leute ja in einem Stadium, in dem sie merken, dass ihre Demenz deutlich zunimmt. Natürlich setzt das Ängste frei. Wir holen jeden dort ab, wo er steht. Die Teilnehmer dürfen so sein wie sie sind - außer aggressiv. Übrigens fühlen sich manche Demenzerkrankte völlig wohl in ihrem Stadium. Manche leben zufrieden in ihrer eigenen Welt.

Das alles klingt gleichzeitig bereichernd und fordernd.

Ruff-Hornbogen: Es ist durchaus eine emotionale Arbeit. Es bereitet auch darauf vor, dass das Leben endlich ist. Und das ist ja eine Tatsache, die wir gerne mal verdrängen. Wir sind sehr präsent, schauen ständig, ob jeder gut mit Getränken versorgt ist, ob es jedem gut geht. Wenn ich danach nach Hause gehe, bin ich natürlich auch erschöpft. Aber ich denke gleichzeitig immer: Das war jetzt gut. Hier übrigens wieder spielt das Team eine sehr große Rolle. Wir tragen uns gegenseitig. Und die Teilnehmer lachen übrigens viel. Es wird viel gelacht und es herrscht viel Freude.

Ist die Arbeit mit älteren Menschen für Sie also etwas besonders Wertvolles?

Ruff-Hornborgen: Ja, ich habe ja schon erwähnt, dass ich auch als Psychologin gerne mit alten Menschen arbeite, weil es mich anrührt. Ihre Erzählungen, ihre Möglichkeiten zurückzublicken. Am Ende seines Lebens zu stehen ist eine besondere Situation. Man kann reflektieren. Über die eigenen Prägungen nachdenken. Es ist übrigens noch gar nicht so lange her, da hat man gesagt, das nützt doch alles bei älteren Menschen gar nichts. Diese Sichtweise hat sich zum Glück völlig verändert. Auch jemand der schon über 80 Jahre ist, kann für sich noch einmal etwas klären oder etwas abschließen, was er vorher in seinem Leben nicht bewältigen konnte. Man kann im Alter noch etwas Neues machen. "Alter" umfasst ja heutzutage eine sehr weite Zeitspanne.

Was sollte jemand, der sich ehrenamtlich betätigen will, mitbringen?

Ruff-Hornbogen: Nun, das Interesse an alten Menschen, gepaart mit Herzenswärme. Engagement und Menschenliebe. Viel mehr braucht es nicht, ich habe ja schon geschildert, wie unterschiedlich wir alle im Team sind. Wir sind sehr offen für Neue und würden uns sehr freuen, wenn da noch jemand kommt, und uns unterstützt. Zumal natürlich derzeit sich einige Begleiter*innen etwas zurückhalten, weil sie zu Corona-Risikogruppen gehören. Ganz ehrlich, wenn jemand sich sinnvoll ehrenamtlich engagieren möchte, dann ist das eine wunderbare Gelegenheit. Es ist übrigens völlig normal und in Ordnung, dass man vielleicht anfangs verunsichert ist, wie man mit Demenzerkrankten umgeht. Diese Unsicherheit gibt es in allen sozialen Berufen, und die verfliegt sehr schnell, weil man da ein Gespür dafür bekommt. Jeder, der neu dazu kommt, kann ja erst einmal nur dabei sein.

Neben Ehrenamtlichen und Teilnehmern gibt es ja noch eine dritte wichtige Gruppe: Die Angehörigen, welche die Demenzkranken pflegen.

Ruff-Hornbogen: Ja, und das ist sehr wichtig, denn in der Zeit, in der die Teilnehmer bei uns sind, können diese Angehörigen Kraft schöpfen und zum Beispiel einkaufen, einen Kaffee trinken oder mal zum Arzt gehen. Das Zusammenleben mit Demenzerkrankten ist ja auf Dauer auch sehr anstrengend. Manche kommen da an ihre Grenzen. Für uns ist das eine der entscheidenden Komponenten des Angebots: Dass wir den Angehörigen ein bisschen Freiraum schaffen können, einmal in der Woche. Viele Angehörige glauben oft, dass sie das jetzt stemmen müssen, und es dauert, bis sie sich eingestehen, dass sie es vielleicht nicht alleine können. Man darf die Angehörigen nicht allein lassen. Wir sind da aber auf einem guten Weg, insgesamt als Gesellschaft. Es gibt immer mehr Angebote. Das macht mir Mut, dass es sowas immer häufiger gibt. Das ist ja der sinnstiftende Wert von Ehrenamt: Sich gegenseitig entlasten, unterstützen und begleiten.

Parallel zum Angebot "Lichtblicke" in Oberursel gibt es in Königstein die "Atempause" für Demenzkranke und ihre Angehörigen. In Bad Homburg startet demnächst ein weiteres Gruppenangebot zur Demenzbegleitung.

Das Interview führte David Frogier de Pontlevoy, Profilwerkstatt GmbH, Darmstadt