Portrait

Alltag im Hospiz

"Hier sind alle als Menschen gefordert"

"Hier sind alle als Menschen gefordert"

Violetta Gronau war im Rahmen ihres Spezialvikariats am Ende ihrer Ausbildung zur Pfarrerin für zwei Monate im Hospiz St. Barbara. Themen zwischen Himmel und Erde haben sie schon immer fasziniert. Die Zeit im Hospiz hat ihre Einstellung zum Tod, aber auch zum Leben noch mal verändert.

Frau Gronau, viele Menschen stellen sich ein Hospiz als traurigen, tristen Ort vor. Wie haben Sie das Haus erlebt?

Die Atmosphäre des Hauses hat sehr auf mich ausgestrahlt. Ein schöner, einladender Andachtsraum, ein Wohnbereich mit Wohnzimmer und Küche. Da sitzen Gäste und deren Angehörige und erzählen. Da ist es nicht still. Das ist es, was einen überrascht. Ich habe gemerkt, dass es beides ist am Lebensende: noch mal richtig lachen. Aber auch noch mal richtig weinen und traurig sein können. Dinge zu feiern, die man gerne gemacht hat. Aber auch wehmütig sein, dass wichtige, alltägliche Dinge im Leben nicht mehr selbstständig gemacht werden können.

Was bedeutet das für den Alltag in St. Barbara? 

Wenn man längere Zeit da ist, dann wird deutlich, wie viel im Hospiz für das Wohlergehen der Gäste getan wird. Ich war von den Pflegenden sehr beeindruckt. Was alles möglich ist - vom Positionswechsel im Bett bis zur Aromapflege. Auch die Küche fragt, was gekocht werden soll. Einmal in der Woche kommt die Hundetherapeutin, und auch eine Klangtherapeutin ist für die Gäste da. Es geht darum, den ganzen Menschen in seiner Individualität zu sehen und auf seine Wünsche und Bedürfnisse einzugehen. Das können alltägliche Dinge sein, aber auch verrückte Sachen wie der Wunsch nach einem bestimmten Cocktail oder eine Firmenfeier mit ehemaligen Kolleg*innen. Oft wird auch der Wünschewagen gerufen für eine letzte Fahrt ans Meer oder einen Musicalbesuch. Was im Hospiz geleistet wird, ist Dienstleistung im besten Sinne - also Dienst am Menschen.

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Das sind vor allem die kleinen, normalen Dinge. So war ich beispielsweise bei einem weiblichen Gast zum Seelsorgebesuch im Zimmer. Sie hat gemalt mit Acrylfarbe auf Leinwand. Ihr Zimmer sah aus wie eine Künstlerwerkstatt. Sie hatte Musik angemacht, malte, wir redeten. Plötzlich sagte sie: "Kommen Sie. Wir tanzen jetzt." Also tanzten wir, und ich konnte ihr ein Ballettschritt zeigen. Denn das hätte sie früher gerne schon gemacht. Hier und bei vielen anderen Begegnungen im Hospiz ist mir klar geworden, hier sind wir als Mensch gefordert. Das geht nicht nur mir so. Das geht allen so, die dort arbeiten.

Wie hat ihr Umfeld darauf reagiert, dass Sie sich für die Arbeit im Hospiz entschieden haben?

Die erste Reaktion war: "O Gott. Das ist bestimmt schwer. Da kann ich nicht viel Spaß wünschen." Aber das stimmt nicht. Wir lachen auch ganz viel. Das ist vielleicht das Überraschendste. Da ist auch Lachen. Leben bis zuletzt heißt auch lachen bis zuletzt. Für viele Gäste heißt es auch noch mal Normalität zu haben. Wie viele waren vorher in Krankenhäusern und Therapien. Und nun ist plötzlich auch für Normalität wieder Platz.

Trotz Normalität und lachen. Es geht immer auch um Abschied. Oder wird das Thema ausgeblendet?

Es geht tatsächlich nur in ganz wenigen Fällen ausschließlich um Abschied und Tod. Auch am Ende sind die Menschen so individuell wie sie im Laufe ihres Lebens waren. Es gibt Leute, die lassen das Thema Tod und Abschiednehmen bis zuletzt nicht an sich ran. Als Seelsorgerin ist es meine Rolle, diesen Weg mitzugehen. Ich biete Gespräche an, aber ich zwinge sie nicht auf. Viele führen ein distanziertes Leben, wollen funktionieren im Job, in der Familie, bei Freunden und lassen tiefe Gefühle nicht an sich heran. Sie leben vor allem und wollen das möglichst gut und glücklich machen. Aber der Tod ist dabei ausgeklammert. Deshalb ist die Zeit im Hospiz auch eine Chance. Die Chance, am Lebensende noch mal näher aufzubauen, ein anderes Verhältnis zur Familie, zu Freundinnen oder Kolleginnen zu haben - und sei es nur für ein oder zwei Tage oder auch nur für eine Stunde. So eine Abschiedssituation kann eine Chance und ein Aufbruch sein.

Wie hat sich ihr Verhältnis zum Tod durch die Zeit im Hospiz verändert?

Ich frage mich, wie viel Zeit in meinem Leben ist. Wer in einem solchen Kontext arbeitet oder ähnliche Erfahrungen gemacht hat, der lebt bewusster. Ich denke auch genauer darüber nach, wie das Lebensende bei mir selbst aussehen könnte. Im Hospiz kann ich mir das gut vorstellen. Ich würde auch jedem, der mich fragt, ein Hospiz empfehlen. Ich habe gemerkt, welch eine schöne Zeit das sein kann, auch wenn es eine schwere Zeit ist.